1973….wir fahren nach Berlin, aber wie?

1973….wir fahren nach Berlin, aber wie?

Im November und Dezember 1973 versuchte die Bundesregierung, durch Sonntagsfahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen Energie zu sparen

An vier Sonntagen im November und Dezember 1973 wurde das so genannte Sonntagsfahrverbot verhängt. Es war Freitag, der 7. Dezember und es stand das dritte Sonntagsfahrverbot bevor. Wir, Gerhard, Rolf und Werner, wollen an diesem Wochenende etwas unternehmen, aber was ?

Es begann in der Groß-Gerauer Ludwigstraße, im Jugendzimmer von Gerhard – wir fahren nach Berlin, wissen aber nicht wie. Wir fahren mit dem Auto, doch bei Rolf seinem NSU Prinz ist die Batterie nicht in Ordnung. Mit Gerhard seinem Opel Ascona geht’s auch nicht, der hatte ja gerade einen Unfall mit seinem alten Kadett. Fahren wir halt mit Werner´s Opel Kadett aus dem Jahr 1964. Am nächsten Morgen sollte es losgehen, doch: „Mit dem können wir nicht fahren, es war Dezember, es konnte glatt sein und Winterreifen, was ist das. Außerdem so fit war der Kadett auch nicht.

Der erste Flug und was dann?

Fliegen ist viel zu teuer, was ist mit Zug fahren. Mit der Eisenbahn dauert es für drei Tage einfach zu lang und so entschieden wir: „Fahren wir doch einfach mal an den Flughafen nach Frankfurt und schau´n, was ein Flug kostet.“ Gesagt, getan: 176,00 Deutsche Mark sollte der Flug bei Pan Am kosten. Viel Geld für unsere damals schmale Geldbörse – aber wir können mal bei einer anderen Fluggesellschaft fragen. Doch die Preise waren alle gleich. Jetzt waren wir da, hatten unser Gepäck dabei und so lösten wir kurzentschlossen unsere Flugtickets und eine Stunde später waren wir über den Wolken in Richtung Berlin unterwegs. Der erste Flug, zum ersten Mal über den Wolken und nach einer Dreiviertelstunde war das tolle Erlebnis schon wieder vorbei. Landung in Berlin-Tempelhof, es war grau, es war nass, einfach ungemütlich, halt ein richtig mieser Dezembertag – ohne Schnee.

Wir sind in Berlin, doch wo wollen wir eigentlich übernachten? Daran haben wir überhaupt noch nicht gedacht und einen Stadtplan haben wir auch nicht. Wir sind damals halt oft „ohne Plan“ unterwegs gewesen. Was jetzt, wo sind wir eigentlich? Fahren wir mal mit der U-Bahn, aber wohin? Irgendwo hin halt. Als wir aus der U-Bahnstation wieder ans Tageslicht kamen, sahen wir nur Wohnhäuser, wo sind wir hier und in welche Richtung müssen wir denn? Wollen wir zum „Ku´damm“?

Die Polizei als Touristeninformation

Schließlich sind wir an einer Polizeistation vorbei gelaufen und es kam uns die Idee. „Die Polizei, dein Freund und Helfer. Gibt´s hier in der Nähe ein Hotel?“ Etwas überrascht sah uns der Polizeimeister an „Sind wir eine Touristeninformation?“ Für uns tut es auch eine Jugendherberge. Tatsächlich half uns die Berliner Polizei weiter und bald hatten wir ein billiges Quartier in der Nähe des Kurfürstendamms – die Pension „Riga“.

Was tun in Berlin? Uns ist am ersten Abend nichts Besseres eingefallen, als ins Kino zu gehen. Super Idee, aber es gab ja noch den nächsten Tag.

Wir wollen das Brandenburger Tor sehen. Mit U- und S-Bahn schaffen wir es schließlich vor das Berliner Wahrzeichen. Es ist sehr bedrückend. So grau wie das Wetter ist auch das Brandenburger Tor. dann noch diese Mauer davor und einige Volkspolizisten, die sicher gar keinen Spaß verstehen. Wir laufen an der Mauer entlang Richtung Reichstag – hier sind Erinnerungstafeln an die ersten Mauertoten. Günter Litfin war am 24. August 1961 der Erste und ihm sollten noch mehr als 150 Opfer folgen.

Wir sind alle Berliner

Zehn Jahre vor uns stand hier John F. Kennedy „Ich bin ein Berliner“ ist für uns alle unvergessen. Damals waren wir auch Berliner und der Blick über die Mauer auf einem Podest ließ uns nicht ahnen, dass dies alles 26 Jahre später alles verschwunden sein wird. 1973 war hinter dem Brandenburger Tor von der Westseite aus nicht zu ahnen, dass der Pariser Platz wieder in seiner schönsten Form ebenso wieder entstehen wird wie das berühmte Hotel „Adlon“. Damals war auf der Ostseite einfach nichts da.

Wir gingen weiter Richtung Reichstag – da war sie wieder, die Geschichte. Was war es wohl für ein Fenster, an dem Philipp Scheidemann einst die Republik ausrief. Egal, damals waren wir geschichtlich noch nicht so interessiert, es waren nur einige Reste aus dem Geschichtsunterricht mit unserem Lehrer Wolfgang Bley hängen geblieben. Da standen wir nun, am berühmten Eingang des Reichstages: „Dem deutschen Volke“.

Waren wir im Olympiastadion?

Der Blick über die Mauer hat uns gereicht, keine Idee kam auf, einmal in den Ostteil zu fahren. Strittig ist dagegen der Besuch des Olympiastadions. Rolf behauptet steif und fest, dort gewesen sein, war ich da auch dabei? Also jetzt mit Rolf: „Wir waren im Olympiastadion und das Cafe Kranzler haben wir auch gesehen.“

Auf jeden Fall durften wir eins nicht verpassen. Den Berliner SC – beim Eishockey verbrachten wir einige Stunden im Stadion – am Ende stand es 1:1. So wenig Tore und kalte Füße. Vergessen wir das Eishockey und gehen selbst aufs Eis – nein, wir schauen anderen dabei zu. Am Berliner I-Punkt gab es eine Schlittschuhbahn. Von der Spitze des I-Punktes hat man einen schönen Rundblick über Westberlin, insbesondere auf den Ku´Damm. Gute Bilder gab es aber bei diesem Sch…Wetter nicht. Was tun? Tun wir etwas für den Sport und spielen Flipper. „Wo geht´s eigentlich zum Märkischen Viertel“, Gerhard´s Frage war aber letztlich nicht mehr von Bedeutung, denn den Abend verbrachten wir in einer originellen Berliner Kneipe. Prost, aber die Berliner Weiße kann man(n) vergessen!

Der dritte Tag führte uns noch einmal zum Brandenburger Tor und den Reichstag. Das Wetter war schöner, obwohl es in der Nacht geschneit hatte. Es war schon eine seltsame Stimmung, als wir durch den Tiergarten in Richtung der Mauer liefen. Dann wieder das Brandenburger Tor, davor die graue Mauer und der Blick ins Nichts. Noch eine Runde um den Reichstag und dann war die Berlin-Reise auch schon wieder zu Ende.

Etwas wehmütig verließen wir unsere spätere Bundeshauptstadt mit einem Flugzeug der British Airways bei Sonnenuntergang. Eine Stunde später hatten wir dann das Glück eine „Ehrenrunde“ über Nauheim zu drehen. Dort waren wir in diesen Jahren sehr gerne…..aber das ist eine andere Geschichte.

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